Geschichte im Essener Norden

 

Schatten auf der Altenessener Geschichte
Opfer des Nationalsozialismus


Mit dem Gewinn des Stipendiums der GLS-Treuhand begann ich mit der Durchforstung der Gestapo-Akten nach Opfern aus Altenessen.

Im Landesarchiv in Duisburg befinden sich über 72.000 Gestapo-Akten, von denen ich etwa 16.400 untersuchte. Ich fand 81 Personen, unter ihnen 10 Frauen, die bezug zu Altenessen hatten. Einige Leute schieden für eine weitere Bearbeitung sofort aus, da sie nur kurz im Stadtteil wohnten, kriminell waren oder nur ein Leumundzeugnis für eine neue Arbeitsstelle beantragten. 25 Menschen habe ich genauer unter die Lupe genommen.

Diese Personen habe ich in 6 Gruppen aufgeteilt:

  1. Parteimitglieder oder Sympathisanten
  2. Ein paar unbedachte Worte brachten sie ins Visier der Nationalsozialisten
  3. Verdacht auf homosexuelle Vergehen
  4. Bibelforscher
  5. Altenessener kämpften in der demokratischen spanischen Armee gegen den Diktator Franko
  6. Angehörige der Fremdenlegion

Es zeigte sich bei der Durchsuchung der Gestapo-Akten, daß vor allem Kommunisten im Fokus der nationalsozialistischen Beobachtung standen. Sozialdemokraten oder Anhänger des Zentrums oder der Kirche spielten in der Betrachtung keine Rolle. Durch Doktor Ernst Schmidts Veröffentlichung „Lichter in der Finsternis“ war mir die Beerdigung von Karl Hoffmann, er wurde im Zuchthaus in Münster umgebracht, als Demonstration der KPD bekannt.  Ich versuchte mehr über das Leben von Hoffmann herauszufinden und stieß auf die Rot-Front-Kämpfer Gruppe in Altenessen. Die Gruppe um ihn und die Reaktionen der Braunhemden nehmen einen etwas größeren Umfang in der Broschüre ein.

Mit der Machtergreifung der Nationalsozialisten bekämpfte das Regime die KPD Mitglieder sofort. Die Vorgehensweise war fast immer die gleiche, wurde jemand, meist durch Denunziation, habhaft gemacht, nahm man ihn in Schutzhaft. Dort erpreßte man durch Mißhandlungen weitere Namen. Das Oberlandesgericht in Hamm klagte die Personen anschließend wegen Hochverrat an und verurteilte sie meist zu ein bis zwei Jahren Gefängnis. 

Während der Haft schärfte man ihnen ein, sich in Zukunft staatskonform zu verhalten, sonst werde mit ihnen Schlimmeres geschehen. Dieses beherzigten fast alle, da sie nach ihrer Haft nicht wieder ins Visier der Gestapo gerieten.

Bei der Personengruppe, die durch unbedachte Worte, meist unter Alkoholeinfluß, die Aufmerksamkeit auf sich zog, verlief es oft so, daß die Gestapo sie für einige Tage in Schutzhaft nahmen. In den ersten Jahren der Hitler-Diktatur sprachen die Gerichte meist geringe Strafen gegen sie aus oder ließen die Anklage erst gar nicht zu. Dieser Terror gegen die Bevölkerung sollte sie einschüchtern, damit kein größerer Widerstand gegen das Unrechtregime aufkommt. Mit Beginn des Krieges wurden diese Strafen aber härter, meist erhielten sie 2 Jahre Haft.

Die Untersuchung verwendete nicht nur die Akten der Gestapo, da die Glaubwürdigkeit in den Aussagen sehr zweifelhaft ist. Hans-Josef Steinberg vermerkte, daß in den Verhören versucht wurde „Mitbeteiligte zu entlasten“, auch konnte man davon ausgehen, daß Personen die „im Ausland in Sicherheit waren, stärker belastet wurden“, als solche, die in Gestapogewahrsam waren.  Deshalb benutzte ich auch Wiedergutmachungsakten, Geburts-, Heirats- und Sterbeurkunden sowie Adreßbücher, um einen umfassenden Lebensweg aufzuzeichnen.

Leider gelang es mir nicht Familienangehörige der Opfer, die heute noch leben ausfindig zu machen, was die Broschüre etwas lebendiger gestaltet hätte.


Quellen:

  • Ernst Schmidt Lichter in der Finsternis Band 1, S. 77ff.
  • Zit. n. Hans-Josef Steinberg. Widerstand und Verfolgung in Essen 1933-1945. Bonn-Bad Godesberg 1969.

Die Broschüre ist für 7€ +Porto unter:
hans-juergen-schreiber@online.de
zu bestellen oder in der Lottoannahmestelle Mundt am Karlsplatz in Altenessen zu  erwerben.

Hans-Jürgen Schreiber,  Essen 19.07.2024